Der Hexer hat eine geniale Idee

Eine Geschichte von Charlene Wolff

Uwe saß in seiner Küche, den Kopf in die Hände gestützt und versuchte krampfhaft, sich an die Idee zu erinnern, die ihm letzte Nacht durch den Kopf gegangen war. Als er aufstand, konnte er sich nur noch daran erinnern, dass er sie als genialen Einfall empfunden hatte. Aber sie entglitt ihm immer wieder. Was war das gewesen? Was hatte ihn aus dem Traum in den Halbschlaf geschreckt?

Vielleicht sollte ich Uwe erstmal vorstellen. Kennengelernt habe ich ihn 2017 im Kohlosseum in Wesselburen. Dort werden allerlei spannende Artikel aus der Region angeboten. Unter anderem auch eine ganze Reihe ungewöhnlicher Marmeladen, z. B. Kohlmarmelade, die der Hexer hergestellt hat.

Mit 50 hat sich Uwe aus Leidenschaft selbständig gemacht und begonnen, die ungewöhnlichsten Marmeladen zu kochen und zu verkaufen. Kohlmarmelade ist da nur eines der verrückten Rezepte, das er erfunden hat – und man kann sie durchaus essen. Für ihn gibt es keine Grenzen, was die Marmeladenfantasie angeht. Selbst Marmelade mit Fliegenpilz hat er schon gekocht. Nichts ist ihm zu abgehoben, und seine Kunden wissen das zu schätzen. Sie können Marmelade mit x-beliebigen Zutaten bestellen – wenn sie wollen auch mit rostigen Nägeln. Uwe wird sie kochen. Und deshalb nennt er sich auch der Hexer.

Der Hexer saß nun also in seiner Marmeladenküche und versuchte verzweifelt, sich an den Gedanken der letzten Nacht zu erinnern. Warum nur hatte er es nicht sofort aufgeschrieben? Müde war er gewesen. Die Sorgen um die Corona-Pandemie machte alle ziemlich fertig. Corona war das einzige Thema, das die Medien rund um die Uhr beherrschte. Corona, der Shutdown, die Ausgangssperren und die Folgen, vor denen die Bevölkerung immer mehr in Panik geriet.

Vor dem Fenster flog ein Vogel vorbei. „Der fliegt noch“, dachte der Hexer, „die Flugzeuge nicht mehr“. Damals waren die Flugzeuge noch geflogen, fiel ihm ein. Damals, als er diesen Auftrag für 50.000 Gläser Marmelade aus Amerika bekommen hatte. Er hatte lange mit sich gerungen, aber am Ende doch abgelehnt, weil die bürokratischen Hindernisse einfach zu groß waren. Er wollte keine Marmeladenfabrik aufmachen. Keine gewaltige Massenproduktion. Seine Freiheit war ihm wichtig, und wenn er in kleinem Maßstab verrückte Marmeladen erfand, dann war er glücklich.

„Ach Uwe!“ dachte er, „lass es!“ Die Idee hatte ihn im Halbschlaf total begeistert, aber jetzt war sie weg. Einen Seufzer ausstoßend machte er im Geiste einen Strich unter die Sache und griff nach der Zeitung. Corona, Corona, Corona! Kaum noch etwas anderes stand in der Zeitung. Nun passiert in Nordfriesland auch wirklich nicht viel. Wenn das Meer nicht über die Deiche tritt und kein Schaf ins Wasser gefallen war, worüber gab es dann viel zu berichten?

Lustlos und unkonzentriert überflog er die Seiten. Auf Seite 8 war ein Bild von einem Supermarkt. Davor ein Mann mit 5 Packungen Klopapier in seinem Einkaufswagen. Und da machte es Klick. Aufgeregt sprang der Hexer von seinem Hocker. Heureka! Das war es gewesen! In seinem Traum hatte er Marmelade mit Klopapier gekocht!

Nun muss ich vielleicht erklären, dass es im Verlauf der Corona-Pandemie überall auf der Welt zu Hamsterkäufen kam. Besonders in Großstädten wurden einige Artikel in nie dagewesenen Mengen gekauft und gehortet, so dass die Lieferungen gar nicht mehr hinterher kamen. Leere Supermarktregale waren die Folge. In Frankreich waren es Kondome und Rotwein, die praktisch nicht mehr zu kriegen waren.

Konserven, Nudeln, Reis und Mehl waren praktisch überall in deutschen Großstädten nicht mehr aufzutreiben, was die Panikkäufe natürlich noch weiter anheizte. Am schlimmsten war es mit den Hamsterkäufen aber beim Klopapier. Der Verkauf steigerte sich um 700%, obwohl von allen Seiten dazu aufgerufen wurde, sich zu mäßigen, es sei von allem genug da, auch von Klopapier. Es war geradezu verrückt, was das Klopapier anging. Und keiner konnte erklären, was die Leute mit dem gehorteten Klopapier taten. Das Internet war voll von Spekulationen. Nudelgratin mit Klopapier, Mumienwickeln oder Gymnastik mit Klorollen gehörten dazu. Und nun war sich Uwe ganz sicher. Er würde Klopapiermarmelade kochen!

Text auf Bild: Unsere Arbeit ist streng geheim!Er ging ins Haupthaus, rief seiner Frau durch den Flur zu, er wolle nicht gestört werden, betrat die Toilette, griff sich eine Reserverolle und schloss sich damit in seiner Marmeladenküche ein. Dann ging er zur Außentür, hängte das Schild auf „Unsere Arbeit ist  streng geheim  – wundern Sie sich also nicht, wenn wir nichts arbeiten, solange Sie da sind.“ und zog die Jalousie zu. „Meine Arbeit ist so geheim“, dachte Uwe, „ich weiß selber nicht, was ich tue – und andere müssen das auch nicht wissen.“

Im Kopf ging er dabei bereits die unterschiedlichsten Rezepte durch, die er gekocht hatte. Er hatte Wert darauf gelegt, viel Frucht und wenig Zucker zu verwenden und so einige Erfahrungen mit Zutaten gesammelt, die nicht immer genügend Saft hergaben. Das Klopapier stellte aber eine ganz neue Herausforderung dar, denn es war trockener als alles, was er bisher gekocht hatte.

Wie gesagt, er hatte sein Schild angehängt, die Türen verschlossen und die Jalousien zugezogen. Niemand konnte sehen, was er in seiner Hexenküche zauberte. Schade eigentlich, ich hätte es ja gerne berichtet. Auf jeden Fall kam am Ende das heraus:

Rolle Klopapier und Glas Marmelade

…und er sucht noch nach einem Hersteller, der ihm Marmeladengläser in Form einer Klorolle liefern kann.

PDF-Download → WhatsApp Geschichte zur Corona Marmelade

© Bilder und Text Charlene Wolff, www.koenigin-charlene.de

2 Gedanken zu „Der Hexer hat eine geniale Idee“

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